
by Kathrin Jeglejewski
Manche Filme unterhalten dich. Andere berühren etwas in dir, für das du zunächst keine Worte findest. My Octopus Teacher gehört für mich zu diesen Filmen.
Die Netflix-Dokumentation, die du auf Deutsch unter dem Titel Mein Lehrer, der Krake findest, begleitet den südafrikanischen Filmemacher Craig Foster. Er ist erschöpft, innerlich leer und vom eigenen Leben entfremdet. Um wieder zu sich zu finden, kehrt er an den Ort seiner Kindheit zurück und taucht täglich im kalten Atlantik vor der Küste Südafrikas. Dort begegnet er in einem dichten Unterwasserwald einem wilden Oktopus.
Was als vorsichtige Beobachtung eines außergewöhnlichen Tieres beginnt, entwickelt sich über viele Monate zu einer Beziehung, die seinen Blick auf die Natur, auf sich selbst und auf das Leben verändert. Seit ich diesen Film gesehen habe, denke ich immer wieder an diese Begegnung zurück. An einen Menschen, der den Kontakt zu sich verloren hat. Und an ein Wesen, das ihm nichts verspricht, nichts erklärt und nicht gekommen ist, um ihm etwas beizubringen.
Dieser Artikel enthält Einzelheiten über den Verlauf und das Ende des Films. Falls du My Octopus Teacher noch nicht gesehen hast, schau ihn dir zuerst an. Nimm dir diese 85 Minuten, leg dein Handy weg und sei wirklich da. Dieser Film verdient deine ungeteilte Aufmerksamkeit. Ich glaube, dass dir diese 85 Minuten mehr über das Leben zeigen können als viele Bücher.
Denn dieser Film handelt von weit mehr als einem Menschen und einem Oktopus. Er handelt davon, was geschieht, wenn ein Mensch aufhört, das Leben nur zu beobachten, und ihm wirklich begegnet.
Craig geht ins Meer. Und dann geht er wieder. Jeden Tag. Er nähert sich dem Oktopus ohne die Forderung, dass sie ihm vertrauen, sich ihm zeigen oder ihm etwas geben soll. Er beobachtet, wartet und lernt. Vor allem aber kommt er zurück.
Mit der Zeit beginnt sie, seine Anwesenheit zuzulassen. Sie kommt näher, berührt ihn und lässt ihn an ihrem Leben teilhaben. Was zwischen ihnen entsteht, lässt sich weder beschleunigen noch herstellen. Es wächst aus seiner Bereitschaft, wirklich da zu sein, ohne zu wissen, was er dafür bekommt.
Beziehung entsteht durch Präsenz. Sie entsteht dort, wo du nichts forderst und dennoch bleibst.
Wie oft versuchen wir, Nähe herzustellen, indem wir drängen? Wie oft wollen wir eine Antwort, eine Zusage, eine Veränderung oder einen Beweis? Wir sagen, dass wir vertrauen, während wir innerlich doch bestimmen wollen, wann und wie sich das Leben uns öffnen soll.
Craig kann diese Begegnung nicht kontrollieren. Er kann nur wiederkommen. Gerade darin liegt für mich eine der tiefsten Botschaften von My Octopus Teacher: Präsenz lässt etwas entstehen, das der Wille allein niemals hervorbringen kann.
Du kannst einen Menschen nicht dazu bringen, sich dir zu öffnen. Du kannst das Leben nicht zwingen, dir zu zeigen, dass es dich trägt. Vertrauen entsteht in einem Raum, in dem das Gegenüber frei bleibt.
Der Oktopus prüft Craig nicht nach menschlichen Maßstäben. Ihr Körper und ihr Instinkt antworten auf seine Anwesenheit. Zunächst verschwindet sie. Sie beobachtet ihn aus sicherer Entfernung. Sie entscheidet in jedem Moment neu, wie viel Nähe möglich ist. Craig respektiert dieses Tempo. Er nimmt ihre Vorsicht nicht persönlich und macht ihren Rückzug nicht zu einer Geschichte über sich.
Das berührt einen wesentlichen Punkt jeder echten Beziehung: Nähe braucht Freiheit. Sobald wir Vertrauen verlangen, erzeugen wir Druck. Sobald wir eine bestimmte Reaktion erwarten, begegnen wir nicht mehr dem anderen Wesen, wie es gerade ist. Wir begegnen unserer Vorstellung davon, wie es sein sollte.
Craig bleibt verfügbar, ohne Zugriff zu fordern. Dadurch kann etwas geschehen, das sich jedem Zugriff entzieht: Sie berührt ihn aus eigener Bewegung.
Vertrauen beginnt dort, wo der Beweis noch fehlt. Nicht als Mut. Als Fülle.
Zu Beginn beobachtet Craig einen Oktopus. Irgendwann sieht er sie. Er sieht kein beliebiges Tier und kein Forschungsobjekt mehr. Er erkennt dieses eine Wesen mit seiner Intelligenz, seiner Verletzlichkeit, seiner Wachheit und seiner unverwechselbaren Art, dem Leben zu begegnen.
Darin verändert sich auch der Beobachter. Die Grenze zwischen Mensch und Natur bleibt körperlich bestehen, doch innerlich verliert sie ihre Härte. Für einen Moment gibt es keinen Menschen hier und keine Natur dort. Es gibt Begegnung. Bewusstsein begegnet sich selbst in zwei vollkommen verschiedenen Formen.
Vielleicht berührt uns dieser Film deshalb so tief. Wir erkennen etwas, das wir im Alltag leicht vergessen: Das Leben um uns herum ist keine Kulisse für unsere menschliche Geschichte. Es ist lebendig. Es nimmt wahr, antwortet, schützt sich, vertraut, verbindet sich und vergeht. Sobald wir das wirklich sehen, verändert sich unsere Beziehung zur Welt.
Der Oktopus verliert bei einem Angriff einen Arm und zieht sich in ihre Höhle zurück. Sie bleibt verborgen, während ihr Körper heilt. Später kehrt sie ins Leben zurück.
Als Menschen legen wir über eine schmerzhafte Erfahrung oft eine zweite Ebene. Wir fragen: Warum ist mir das passiert? Was bedeutet das für meine Zukunft? Kann ich jemals wieder sicher sein? Aus einem Ereignis entsteht eine Geschichte, und aus der Geschichte entsteht eine Identität.
Der Oktopus antwortet unmittelbar auf das, was ist. Sie zieht sich zurück. Ihr Körper regeneriert sich. Dann bewegt sie sich weiter. Darin liegt keine romantische Vorstellung davon, dass Schmerz bedeutungslos sei. Der Film zeigt etwas viel Ursprünglicheres: Das Leben trägt eine Intelligenz in sich, die keinen mentalen Kommentar braucht, um auf den nächsten Moment zu antworten. Das Leben selbst weiß, wie es leben muss.
Es nimmt wahr, was jetzt ist. Es reagiert auf die Wirklichkeit dieses Moments. Es fordert nicht, dass die Vergangenheit anders gewesen sein müsste. Der Oktopus verkörpert damit auf ihre eigene Weise ein radikales „Es ist". Keine Resignation. Keine Gleichgültigkeit. Volle Antwort auf das Leben, wie es sich jetzt zeigt.
Eine der schmerzhaftesten Szenen zeigt den Angriff eines Hais. Craig weiß, dass er körperlich eingreifen und versuchen könnte, sie zu retten. Zugleich erkennt er, dass er damit in die Ordnung dieses Lebensraums eingreifen würde. Er liebt dieses Wesen, und dennoch gehört ihr Leben nicht ihm.
Für uns Menschen ist das schwer auszuhalten. Liebe wird schnell mit Schutz, Rettung und Festhalten verbunden. Wir möchten Leid verhindern. Wir möchten den Ausgang verändern. Wir möchten nicht ohnmächtig danebenstehen, wenn etwas geschieht, das unser Herz kaum erträgt.
Hingabe bedeutet hier nicht, dass Craig nichts empfindet. Er fühlt die Angst, den Schmerz und den Impuls einzugreifen. Und er bleibt in Beziehung zu dem, was geschieht, ohne sich zum Herrscher über das Leben zu machen.
Das ist ein feiner, entscheidender Unterschied. Hingabe ist kein Rückzug aus dem Leben. Sie ist die Bereitschaft, dem Leben vollständig zu begegnen, auch wenn es nicht unserem Willen folgt.
Dann kommt der Teil, der für mich kaum auszuhalten war. Craig weiß, dass ihr Leben enden wird. Nach der Eiablage bleibt die Oktopusmutter bei ihren Nachkommen, bis ihre Kraft versiegt. Er kann sie nicht retten, nicht festhalten und die Ordnung ihres Lebens nicht nach seinen Wünschen verändern. Er kann nur lieben und bleiben.
Wirkliche Liebe sagt nicht: Du musst bleiben, damit ich nicht leide. Sie erkennt: Ich darf dich lieben, ohne über dein Leben bestimmen zu dürfen.
Ich bin hier. Ich sehe dich. Ich lasse dich frei.
Diese Form von Liebe fordert keinen Besitz als Bestätigung ihrer Echtheit. Sie misst ihren Wert nicht an Dauer. Die Begegnung wird nicht bedeutungslos, weil sie endet. Ihre Endlichkeit macht sichtbar, wie kostbar jeder einzelne Moment war.
Wir möchten das, was wir lieben, bewahren. Doch das Leben lässt sich nicht festhalten. Menschen verändern sich. Beziehungen verändern ihre Form. Körper vergehen. Jeder Versuch, das Lebendige unverändert zu halten, richtet sich irgendwann gegen seine Natur.
Liebe bleibt offen, obwohl sie weiß, dass sie verlieren kann. Sie nimmt den Moment ganz an, ohne einen Vertrag mit der Zukunft zu verlangen.
Die Form des Oktopus vergeht. Und doch endet ihre Wirkung nicht mit ihrem Körper. Sie lebt in ihren Nachkommen weiter. Sie lebt in Craig weiter, in seinem Blick auf die Natur, in seiner Beziehung zu seinem Sohn und in der Art, wie er von diesem Moment an dem Leben begegnet. Nun lebt etwas von ihr auch in jedem Menschen weiter, der diesen Film sieht und danach einen Oktopus, das Meer oder ein anderes Lebewesen anders betrachtet.
Eine wirkliche Erkenntnis bleibt nie nur ein Gedanke. Sie verändert, wie du liebst, wie du siehst, wie du anwesend bist und wie du anderen Wesen begegnest. Genau darin zeigt sich Verkörperung. Eine Erkenntnis wird nicht dadurch wahr, dass du sie erklären kannst. Sie wird sichtbar in der Art, wie du lebst.
Der Film schenkt uns damit eine stille Antwort auf die Angst vor Vergänglichkeit. Alles verändert seine Form. Jede Begegnung hinterlässt Spuren. Was wirklich berührt wurde, wirkt weiter, oft an Orten, die wir niemals sehen werden.
Craig heilt nicht, indem er sich selbst unaufhörlich analysiert. Er heilt, indem er wieder in Beziehung tritt. Zu seinem Körper. Zum kalten Wasser. Zu diesem Wesen. Zu seinem Sohn. Zum Leben selbst.
Die Natur repariert ihn nicht. Sie nimmt ihn wieder auf.
Dieser Unterschied ist wesentlich. Heilung bedeutet hier nicht, dass ein beschädigter Mensch optimiert wird, bis er wieder funktioniert. Craig erinnert sich durch die tägliche Begegnung daran, dass er eingebunden ist. Er ist kein isoliertes Wesen, das dem Leben von außen zusieht. Er gehört dazu.
Was im Meer beginnt, verändert deshalb auch seine Beziehung zu seinem Sohn. Die Erfahrung bleibt keine private spirituelle Erkenntnis. Sie fließt in sein Menschsein. Er teilt seine Aufmerksamkeit, seine Neugier und seine Ehrfurcht mit dem nächsten Menschen. Daran erkennen wir, ob eine Erfahrung wirklich in uns angekommen ist: Sie verändert unsere Beziehungen.
Präsenz ist dann keine Übung für einen stillen Moment. Sie zeigt sich darin, ob du einen Menschen ansiehst, wenn er mit dir spricht. Ob du zuhörst, ohne schon deine Antwort vorzubereiten. Ob du beim Leben bleibst, wenn es sich anders entfaltet, als du gehofft hast.
Wir warten auf große Zeichen, eindeutige Antworten oder Erfahrungen, die wir spirituell nennen können. Und dann zeigt sich das ganze Wunder des Lebens in einem weichen Körper mit drei Herzen, acht Armen und einer Lebenszeit von kaum mehr als einem Jahr.
Der Oktopus war kein Symbol und keine Lehrerin, die gekommen war, um Craig eine Botschaft zu überbringen. Sie war vollkommenes Leben, das nichts anderes sein musste als das, was es war. Und ein Mensch war still genug, um es zu sehen.
Vielleicht besteht die tiefste Veränderung nicht darin, dass das Leben uns endlich gibt, wonach wir suchen. Vielleicht verändert sich alles in dem Moment, in dem wir aufhören, nur nach Antworten zu suchen, und beginnen zu sehen, was längst vor uns ist.
Seit diesem Film begleiten mich deshalb einige Fragen:
Wo versuche ich noch, dem Leben etwas abzuringen, statt ihm wirklich zu begegnen? Wo fordere ich Vertrauen, Nähe oder einen Beweis? Wo bin ich körperlich anwesend und innerlich bereits beim nächsten Moment? Und was geschieht, wenn ich nichts verlange, wiederkomme und wirklich da bin?
Vielleicht liegt darin eine der reinsten Formen von Liebe:
Ich bin hier. Ich sehe dich. Ich lasse dich frei.
Erinnerst du dich?
Von Herzen,
Kathrin
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Kathrin Jeglejewski ist Gründerin von New Spirit Leaders. In ihren Räumen begleitet sie bewusste Menschen zurück zu dem, was sie in Wahrheit längst sind — jenseits von Selbstoptimierung, zurück in Vertrauen, Verkörperung und gelebtes Sein. Denn wenn du dich erinnerst, erinnert sich auch das Leben an dich. Ihre Räume und mehr von ihr findest du unter kathrinjeglejewski.de.
Und wenn dich beim Lesen etwas berührt hat, beginne genau dort, wo Erinnern beginnt: mit A Prayer of Remembering — einer kostenlosen, geführten Audio, die dich tiefer an deine wahre Essenz erinnert und zurück in Ruhe und Vertrauen führt. Hier kostenlos empfangen.